Bei meinem letzten Bericht über die Heilung der blutflüssigen Frau habe ich erwähnt, dass Jesus mit dem Schiff nach Kapernaum kam. Am Ufer des Sees Genezareth erwartete ihn eine große Menschenmenge. Unter ihnen befand sich ein Oberster der Synagoge mit Namen Jaïrus.
Dieser kam auf Jesus zu, warf sich ihm zu Füßen und bat ihn, mit in sein Haus zu kommen, denn seine einzige Tochter, die etwa zwölf Jahre alt war, lag im Sterben.
Jesus ging mit ihm. Die Volksmenge begleitete ihn und bedrängte ihn. Auf dem Weg zu dem Haus des Synagogenvorstehers gab es einen Zwischenfall: die Heilung der blutflüssigen Frau. Dadurch ging wertvolle Zeit verloren, denn Jesus wandte sich dieser Frau zu und redete mit ihr.
Während er noch redete, kam jemand vom Haus des Synagogenvorstehers und sagte:
„Deine Tochter ist gestorben; bemühe den Meister nicht!“ (Lukas 8,49)
Hörst du die Enttäuschung in diesen Worten? Sie war tot. Alles aus. Zu spät?
Denn das Jesus Menschen heilen konnte, das hatte sich herumgesprochen. Allerdings waren diese Menschen, die er heilte, alle lebendig. Doch dieses Mädchen lebte nicht mehr. Also war mit dem Mädchen auch jegliche Hoffnung auf Heilung gestorben.
Als Jesus diese Worte hörte, antwortete er überraschend:
„Hab keine Angst; glaube nur, so wird sie gerettet werden!“ (Lukas 8,50)
Ich weiß nicht, ob die Menschen in dieser Gegend eventuell von der Auferweckung des Jünglings in der Stadt Nain gehört hatten. Denn es steht, dass sich die Nachricht über die Auferweckung des Jünglings in ganz Judäa und der ganzen Umgegend verbreitet hatte (Lukas 7,17).
Jesus ging also trotzdem in das Haus des Jaïrus, aber nicht mit der ganzen Volksmenge. Er erlaubte nur seinen drei engsten Jüngern, Petrus, Johannes und Jakobus, mitzukommen.
Am Gaus der verstorbenen herrschte schon eine große Trauerveranstaltung. Ein großes Getümmel, so schreibt Markus, ein Weinen, Heulen und Pfeifen. In der damaligen Zeit und Kultur hat man ganz anders getrauert als wir es heute tun – laut vor allem.
Es gab Klagefrauen, die laut weinten und Klagerufe ausstießen. Flötenspieler begleiteten die Trauerfeier mit traurigen Melodien, und Nachbarn, Verwandte und Bekannte kamen zusammen.
So eine Trauergesellschaft muss Jesus angetroffen haben, denn er fragte:
„Was lärmt ihr so und weint? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft!“ (Markus 5,39)
Ihre Reaktion war weder Verwunderung noch Fassungslosigkeit und auch keine Hoffnung, sondern - sie lachten ihn aus, weil sie wussten, dass das Mädchen gestorben war.
Was für ein Paradox: eben noch ein lautes Klagen, Weinen und Pfeifen und im nächsten Moment ein Auslachen.
An dieser Stelle möchte ich sagen, dass ich schon etwas neidisch bin auf diese Kultur – wegen der Freiheit, mit der sie ihre Emotionen ausleben. Für uns Westeuropäer ist so etwas in der Regel fremd. Wir haben gelernt, Emotionen zu kontrollieren und uns zu beherrschen. Schade eigentlich.
Doch wie reagiert Jesus an dieser Stelle auf diese scheinbar plötzliche Sinneswandlung?
"Er trieb alle hinaus." Er beendete die Trauerfeier einfach.
Nun befanden sich nur noch die drei Jünger, die Eltern und Jesus im Raum.
Und dann tat Jesus etwas Ungewöhnliches. Er fasste das Mädchen bei der Hand.
Warum war es ungewöhnlich?
Nach den jüdischen Reinheitsvorschriften hätte die Berührung eines Toten Unreinheit für sieben Tage bedeutet (4. Mose 19,11). Aber Jesus scheute die Berührung nicht, denn seine Berührung und seine Worte:
„Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ (Markus 5,41)
erweckten das Mädchen zum Leben.
Jesus wurde nicht unrein. Seine Reinheit, sein Leben und seine Heilung überwanden das Unreine. Wo Jesus handelte, wichen Krankheit, Unreinheit und sogar der Tod.
Der Geist des Mädchens kehrte zurück, und sie stand augenblicklich auf (Lukas 8,55).
Sogleich befahl Jesus, ihr zu essen zu geben (Lukas 8,55).
Ihre Eltern gerieten außer sich, aber er gebot ihnen, niemandem zu sagen, was geschehen war (Lukas 8,56).
Und die Nachricht hiervon verbreitete sich in der ganzen Gegend (Matthäus 9,26).
Wenn ich mich in diese Geschichte vertiefe, sozusagen mit Jesus mitgehe – vom See mit der Menschenmenge, die Unterbrechung unterwegs durch die Heilung der blutflüssigen Frau, die Unterhaltung Jesu mit ihr, die Leute mit der Nachricht, das Mädchen sei tot, die lärmende Trauergesellschaft und die Menschen, die Jesus auslachten –, dann bin ich innerlich aufgewühlt.
Vor allem davon, dass Jesus sich so viel Zeit für die blutflüssige Frau nahm, obwohl das Mädchen im Sterben lag.
Ich spüre die Ungeduld in mir, während ich im Geist neben Jesus in der Menschenmenge stehe und den leidenden Vater des Mädchens sehe.
Ich möchte Jesus am Ärmel zupfen und ihm sagen, dass das mit dem Mädchen doch wichtiger ist. Der Synagogenvorsteher war doch zuerst mit seiner Bitte da und außerdem geht es hier um Leben oder Tod!
Aber Jesus ist anders.
Es schien, als würde die Zeit, die Jesus der Frau schenkte, das Leben des Mädchens kosten. Doch Jesus hatte die Situation vollkommen im Griff und verlor nicht die Kontrolle.
Er heilte nicht die Frau auf Kosten des Lebens eines Kindes. Er begegnete ihr, dem Vater des Mädchens und auch der Trauergesellschaft mit Zeit, Respekt und Aufmerksamkeit.
Er fertigte niemanden ab. Er eilte nicht voller Stress von einem Ereignis zum anderen. Er war ruhig, gelassen und voller Liebe – in jeder einzelnen Begegnung und Heilung.
Für ihn war jeder Mensch wichtig, egal wie wichtig oder unwichtig die Situation scheinbar war.
Er war im Auftrag und in der Kraft seines Vaters unterwegs. Dieser Vater ist auch mein Vater.
Ich möchte von Jesus lernen, nicht durch die Welt zu hetzen, sondern "in den Werken zu wandeln, die er zuvor bereitet hat, damit ich in ihnen wandeln soll" (Epheser 2,10).
Ich möchte voller Hingabe, Vertrauen und Glauben leben und dienen – zu seiner Ehre.
Ich bin mir sicher, das willst du auch.
Mach es zu deinem Gebet.
Gott segne dich.
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