Jesus befand sich wieder einmal in Kapernaum in einem Haus. Als die Dorfbewohner es erfuhren, versammelten sie sich alle in dem Haus. Es wurde so voll, dass kein Platz mehr war. Bis nach draußen vor der Tür war alles voll.
Jesus verkündigte ihnen das Wort. Es waren auch Pharisäer und Gesetzeslehrer da, also Schriftgelehrte, die aus den umliegenden Dörfern und aus Jerusalem gekommen waren. Sie hatten Sitzplätze und hörten Jesus zu.
In Lukas 5,17 steht, dass die Kraft des Herrn da war, um zu heilen.
Vier Männer brachten einen Gelähmten, den sie auf einer Liegematte trugen. Da sie aber wegen der Menge keine Möglichkeit fanden, den Gelähmten zu Jesus hineinzubringen, stiegen sie auf das Dach und deckten die Ziegel ab, unter denen Jesus stand. Sie ließen den Gelähmten auf der Liegematte an Seilen hinunter.
Was für eine Aktion! Was für abenteuerlustige, mutige und einfallsreiche Männer das waren.
Stell dir vor, du stehst in diesem Raum, in dem Jesus lehrt. Irgendwo an der Türschwelle. Ganz nah bei Jesus haben die Pharisäer und die Gesetzeslehrer Platz genommen. Alle hören seiner Verkündigung zu.
Dann kommen die ersten Kranken und gehen wieder gesund. Du kommst aus dem Staunen nicht heraus.
Plötzlich ein Gepolter auf dem Dach. Staub fällt hinunter und im nächsten Moment fällt ein Lichtstrahl durch die Decke. Ein Tonziegel nach dem anderen wird behutsam abgedeckt und zur Seite gelegt.
Alle sind aufgeregt und schauen nach oben. Vier Männer werden sichtbar. Was haben die wohl vor? Du bekommst etwas Angst.
Da siehst du, wie sie an vier Seilen eine Liegematte durch die Decke nach unten lassen. Ganz langsam, auf Kommando. Die Menschen, die Jesus umringen, machen Platz.
Und da steht Jesus vor der Liegematte.
Oben vom Dach schauen die vier Männer zu Jesus herunter und unten auf dem Boden schaut der Gelähmte zu Jesus herauf.
In dieser gespannten Stille sagt Jesus etwas, das niemand erwartet:
„Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Matthäus 9,2)
Stille und Beklommenheit erfüllen den Raum.
Was ist das für eine Aussage?
Jesus sieht doch, dass dieser Mann gelähmt ist. Er will doch sicher wieder gehen können.
Die Schriftgelehrten regen sich innerlich auf. Sie denken, er lästert Gott. Niemand kann Sünden vergeben außer Gott allein.
Aber niemand sagt etwas, weder die Schriftgelehrten noch der Gelähmte.
Jesus aber erkannte ihre Gedanken und fragte sie direkt:
„Warum denkt ihr dies in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Liegematte und geh umher?“ (vgl. Matthäus 9,4–5; Markus 2,8–9; Lukas 5,22–23)
„Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben …“ (Matthäus 9,6; Markus 2,10; Lukas 5,24)
… sprach er zu dem Gelähmten:
„Ich sage dir, steh auf, nimm deine Liegematte und geh heim.“ (Lukas 5,24)
Der Gelähmte stand sogleich auf, nahm seine Liegematte und ging vor aller Augen hinaus, sodass sie alle erstaunten, Gott priesen und sprachen:
„So etwas haben wir noch nie gesehen.“ (Markus 2,12)
Ich habe mich gefragt, warum Jesus ihn nicht sofort heilte.
Es war doch offensichtlich, dass dieser Mann nicht laufen konnte. Die vier Männer, die ihn brachten, haben es sicher nicht getan, weil sie dachten, dass er Vergebung der Sünden braucht, sondern damit er wieder laufen kann.
Es steht nicht, dass Jesus ihn vorher fragte, was er will, oder dass der Gelähmte oder die, die ihn gebracht hatten, einen Wunsch äußerten.
Warum entschied sich Jesus, ihm zuerst die Vergebung der Sünden zuzusprechen?
Warum nennt Jesus ihn „mein Sohn“?
Hätte Jesus ihn gefragt, was hätte der Gelähmte gewünscht? Die Vergebung der Sünden oder dass er gehen kann?
Waren die vier Männer auf dem Dach erst enttäuscht? Haben sie vielleicht schon überlegt, die Liegematte wieder hochzuziehen?
Kannst du dir die Verwirrung beim Lesen vorstellen?
Dann klärt Jesus auf, warum er ihm zuerst die Sünden vergeben hat:
„Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben …“ (Matthäus 9,6; Markus 2,10; Lukas 5,24)
„Ich sage dir, steh auf, nimm deine Liegematte und geh heim.“ (Lukas 5,24)
Man könnte sagen, das war der Sinn, weshalb Jesus diese Verwirrung stiftete: um darauf aufmerksam zu machen, dass er der Menschensohn, also der Messias, ist.
Doch wie ich meinen Jesus kennengelernt habe, bin ich mir sicher, dass dieses Heilungswunder nicht so rational war, wie es scheint.
Auch wenn wir hier kein einziges Wort lesen, das der Gelähmte gesagt haben könnte, sehen wir, wie Jesus das Herz des Mannes sah.
Ich glaube, dieser Mann wäre nicht vollständig geheilt gewesen, wenn er nur wieder laufen könnte.
Vielleicht wäre er auch gleich davongelaufen, wenn Jesus ihn zuerst körperlich geheilt hätte. Er wäre dann möglicherweise nur ein Bewunderer Jesu geworden, so wie viele andere, die Jesus geheilt hatte, und würde nicht an ihn als den Sohn des Menschen, also als den Messias, glauben.
Jesus sah das Herz dieses Mannes. Er sah, was niemand wusste oder ahnen konnte. Er sah die angehäufte Schuld, die Scham, das quälende Gewissen. Aber er sah auch den Glauben dieses Mannes.
Und vielleicht ist das der Schlüssel, weshalb Jesus ihn „mein Sohn“ nannte und ihm die Vergebung der Sünden zusprach.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb der Gelähmte nicht widersprach. Denn stumm war er ja nicht.
Jesus nannte ihn Sohn, weil er sein Herz sah, und er heilte diesen Menschen vollständig, nicht nur auf körperlicher Ebene.
Auch heute ist es noch so, dass manchmal Menschen geistliche Heilung brauchen, um auf körperlicher Ebene gesund zu werden.
In den Psalmen können wir Ähnliches lesen.
Zum Beispiel David, als der Prophet Nathan ihn mit der Schuld des Ehebruchs mit Bathseba und des vorsätzlichen Mordes an Uria, ihrem Ehemann, konfrontierte.
David war erleichtert, diese große Schuld nicht mehr verheimlichen zu müssen. Er konnte endlich Buße tun und seine Sünden bereuen und bekennen.
Der 32. Psalm von David wird auch Bußpsalm genannt .
In Vers 4 schreibt David:
„Als ich es verschwieg, da verfielen meine Gebeine durch mein Gestöhn den ganzen Tag. Denn deine Hand lag schwer auf mir Tag und Nacht, sodass mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürr wird.“
Im nächsten Vers beschreibt David die Erleichterung, als er bekannte und Vergebung erfahren hatte.
Vers 5 „Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg meine Schuld nicht. Ich sprach: Ich will dem HERRN meine Übertretungen bekennen! Da vergabst du mir meine Sündenschuld.“
Diese Heilung des gelähmten Mannes ist so besonders. Da steht so viel zwischen den Zeilen.
In dem Moment, als Jesus ihn ansah und sagte: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Matthäus 9,2)
wusste der Gelähmte, dass Jesus seine Sünden kennt und sie ihm alle vergibt.
Wie selig ist dieser Geheilte nach Hause gegangen.
Vielleicht kannte er den 1. Vers aus dem Bußpsalm Davids:
„Wohl dem, dessen Übertretung vergeben, dessen Sünde zugedeckt ist! Wohl dem Menschen, dem der HERR keine Schuld anrechnet und in dessen Geist keine Falschheit ist!“
Dieser Mann durfte nun nach Hause gehen, geheilt an Körper und Geist.
Und auch hier sehen wir wieder: Wenn Jesus heilt, ist man sogleich geheilt. Der Gelähmte brauchte keine Physiotherapie, keinen Muskelaufbau.
In dem Moment, als Jesus heilte, stand der Mensch auf und ging.
Gelobt sei unser Gott.
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