Im weltlichen Sprachgebrauch verwendet man diese Redewendung, wenn jemand seine Fähigkeiten nicht nutzt oder verschwendet. Typische Aussagen wären: „Du darfst dein Talent nicht vergraben“, oder: „Sie hat ihre Begabung jahrelang vergraben“, oder: „Er vergräbt sein Talent in diesem Job.“
Diese Redewendung beschreibt also jemanden, der eine Gabe nicht auslebt. Zum Beispiel einen guten Trompetenspieler, der nicht in einem Blasorchester spielt und seine Posaune sozusagen an den Nagel hängt. Er vergräbt damit sein Talent.
Diese Redewendung hat ihren Ursprung in der Bibel. Lass uns schauen, ob sie ursprünglich so gemeint ist, wie wir sie heute verwenden.
In Matthäus 25,14–30 erzählt Jesus ein Gleichnis von den Talenten. Da war ein reicher Mann, der ins Ausland reisen wollte. Er rief seine drei Angestellten und gab jedem eine hohe Summe Geld zur Verwaltung. Dabei gab er ihnen unterschiedlich viel. Dem ersten gab er fünf Talente, dem zweiten zwei Talente und dem dritten ein Talent.
Damit du es dir besser vorstellen kannst, wie viel Geld das ist, mache ich eine kleine Rechnung. Ein Talent waren 6.000 Denare. Ein Denar war ein Tageslohn eines Arbeiters. Das heißt, für ein Talent musste ein durchschnittlicher Arbeiter 20 Jahre arbeiten.
Ein Mann in unserer Zeit in einem handwerklichen Beruf verdient durchschnittlich 2.500 Euro netto im Monat. Demnach verdient er in 20 Jahren 600.000 Euro netto. Also ist ein Talent, umgerechnet auf unsere Zeit und unseren heutigen Wert, etwa 600.000 Euro wert. Zwei Talente entsprechen 1.200.000 Euro und fünf Talente 3 Millionen Euro.
Der reiche Mann hinterließ also, ausgehend von meiner Rechnung mit einem durchschnittlichen Nettoeinkommen von 2.500 Euro, eine Gesamtsumme von heutzutage 4,8 Millionen Euro.
Ich habe mich gefragt, warum er dieses Geld so ungleich aufgeteilt hat. Warum bekam nicht jeder die gleiche Summe? Hatte es etwas mit dem Vertrauen des reichen Mannes seinen Angestellten gegenüber zu tun?
Nein. In Matthäus 25,15 steht: „Und einem gab er fünf Talente, dem anderen zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner eigenen Kraft; und er reiste sogleich ab.“ (Matthäus 25,15)
Und jetzt sehen wir, wie unterschiedlich diese Knechte mit diesem Geld wirtschafteten.
Derjenige, der drei Millionen bekommen hatte, handelte mit ihnen und gewann drei weitere Millionen dazu. Der zweite tat dasselbe. Aus 1,2 Millionen Euro machte er 2,4 Millionen.
Aber derjenige, der 600.000 Euro bekommen hatte, vergrub das Geld in der Erde und wartete ab, bis sein Herr aus dem Ausland zurückkam.
Nach langer Zeit kam der Herr zurück und hielt Abrechnung mit seinen Angestellten.
Die ersten beiden, die das Geld verdoppelt hatten, bekamen Lob. Er sagte zu ihnen:
„Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn!“ (Matthäus 25,21)
Dann kam der dritte. Er legte seinem Herrn exakt dieselbe Summe vor, die er vor langer Zeit bekommen hatte, mit den Worten:
„Herr, ich kannte dich, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast. Und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg dein Talent in der Erde. Siehe, da hast du das Deine!“ (Matthäus 25,24–25)
Die Antwort des Herrn war: „Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld den Wechslern bringen sollen, so hätte ich bei meinem Kommen das Meine mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben werden, damit er Überfluss hat; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat. Und den unnützen Knecht werft in die äußerste Finsternis hinaus.“ (Matthäus 25,26–30)
Interessant ist, dass der Herr den dritten Knecht nicht als ängstlichen Knecht bezeichnet, sondern als „bösen und faulen Knecht“. Seine Angst war also nicht das eigentliche Problem. Die Worte des Knechtes offenbaren vielmehr sein Herz. Er hatte ein falsches Bild von seinem Herrn und benutzte seine Furcht letztlich als Begründung für seine Untätigkeit. Hätte er seinem Herrn wirklich vertraut, hätte er mit dem anvertrauten Geld gehandelt oder es wenigstens den Wechslern gebracht. Die Bewertung seines Herrn zeigt deshalb, dass nicht die Angst im Mittelpunkt steht, sondern seine böse und faule Herzenshaltung.
Gott gibt jedem Menschen unterschiedliche Gaben und Ressourcen. Dem einen schenkt er besondere Fähigkeiten, dem anderen viele Möglichkeiten, Zeit, Einfluss, materielle Mittel oder bestimmte Aufgaben. All das ist uns von Gott anvertraut. Die Frage ist nicht, wie viel wir bekommen haben, sondern ob wir treu damit umgehen.
Treue ist hier der Schwerpunkt. Es geht um die Herzenshaltung zu dem, was Gott dir an Gaben und Möglichkeiten schenkt. In den Werken zu wandeln, die er zuvor bereitet hat, damit du in ihnen wandeln sollst.
Liebst du deinen Gott? Hast du ein richtiges Verständnis von ihm? Das ist sehr wichtig. Das richtige Gottesbild spielt hier eine große Rolle.
Wenn du Gott hauptsächlich als hart, unbarmherzig und gegen dich gerichtet wahrnimmst, wirst du vielleicht wie der dritte Knecht handeln und aus Angst zurückweichen. Wenn du aber glaubst, dass Gott Liebe ist, treu, gerecht, barmherzig und gnädig, dann handelst du aus Liebe mit dem, was er dir anvertraut hat.
Du siehst: Im weltlichen Sprachgebrauch vergräbt jemand seine Fähigkeiten. Nicht weiter schlimm, nur schade, oder?
Im biblischen Zusammenhang hängt viel mehr daran: Treue, Beziehung zu Gott und Verantwortung in der Verwaltung der uns anvertrauten Gaben und Ressourcen.
Ich wünsche dir offene Augen für das, was Gott dir anvertraut hat, damit du eine treue Verwalterin dessen bist, was er dir gegeben hat, damit du ein Segen für andere wirst und Gott mit deinem Leben ehrst.
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